Gab es in China vor dem 20. Jh. eine „skeptische Tradition“?
Im 1956 erschienenen zweiten Band von Science and Civilisation in China behandelt Joseph Needham die „skeptische Tradition“ der chinesischen Philosophie, die für ihn im Song-zeitlichen Neukonfuzianismus kulminiert. Vor ihm hatte schon Hu Shi Skeptizismus in der chinesischen Tradition konstatiert, sei es im Buch Zhuang zi oder dem Lun heng des Wang Chong. Zhou Yutong charakterisierte 1928 im Vorwort zu seinem Kommentar zu Pi Xiruis Jingxue lishi (1907) die Song-zeitlichen „Klassikerstudien“ (jingxue) als getragen von einem „skeptischen Geist“. Seit den 70er Jahren des 20. Jh.s erschienen im Westen zahlreiche Arbeiten zu verschiedenen Spielarten des chinesischen Skeptizismus, vor allem zum Zhuang zi, während in China die Kategorie des Skeptizismus in der chinesischen Tradition bis heute kaum eine Rolle spielt. Der Vortrag wird den Gründen hierfür nachgehen und an zwei Beispielen erörtern, wie sinnvoll die Übertragung solcher Kategorien ist.
Prof. Dr. Michael Friedrich schloss nach dem Studium der Sinologie, Philosophie und Japanologie in Freiburg i. Br., Taipei und München seine Promotion (1984) und Habilitation (1990) im Fach Sinologie in München ab. Im Anschluss an eine Gastdozentur in Zürich (1992/93) wurde er 1994 Professor für Sprache und Literatur Chinas an der Universität Hamburg. Seine Forschungsinteressen umfassen u. a. die Chinesische Geistesgeschichte, Manuskriptkulturen sowie die Rezeption der chinesischen Kultur in Europa.