Abstrakt: Von Café, Friseursalon oder Motorradhelmgeschäft bis hin zu Film, Theaterstück und Musikalbum – es mag zunächst überraschen, dass zahlreiche Einrichtungen und kulturelle Produkte in Taiwan tatsächlich nach Franz Kafka benannt sind. Diese Präsenz verweist auf eine bemerkenswerte kulturelle Wirkungsgeschichte, die weit über den literarischen Kontext hinausreicht.
Franz Kafka gilt nicht nur als eine zentrale Figur der literarischen Moderne des 20. Jahrhunderts, sondern auch als einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren in Taiwan. Darüber hinaus zählt er zu den am intensivsten rezipierten und einflussreichsten deutschsprachigen Schriftstellern, dessen Wirkung sowohl die anspruchsvolle Literatur als auch Bereiche der Populärkultur umfasst.
Seit den 1960er Jahren, als Kafkas Werke erstmals in Taiwan übersetzt und rezipiert wurden, sind seine Texte wiederholt neu übersetzt, kommentiert und interpretiert worden. Zugleich hat Kafka unterschiedliche Generationen von Kulturschaffenden und Intellektuellen in Taiwan inspiriert – über zahlreiche Felder hinweg: von der bildenden Kunst und Musik bis hin zu Architekturästhetik, Reisekultur sowie Diskursen über chinesische und taiwanische Identitätsfragen. Gerade in diesen fortwährenden Begegnungen zwischen der von Kafka entworfenen Welt und der gesellschaftlichen Realität Taiwans zeigt sich ein in Taiwan entstandenes „Kafka-Fieber“, das eng mit der zeitgenössischen Geschichte Taiwans verknüpft ist.
In diesem Vortrag werden die Rezeption Franz Kafkas in Taiwan und das sogenannte „Kafka-Fieber“ im taiwanischen Kontext vorgestellt.
Dr. Hung-Yu Dominik WU (geboren 1987 in Taiwan) promovierte im Fach Interkulturelle Germanistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsrichtungen umfassen literarische Übersetzung, interkulturelle Kommunikation sowie die Rezeption deutschsprachiger Literatur in Taiwan, insbesondere das „Kafka-Fieber“. Derzeit ist Wu an der Bibliothek für Sprach- und Kulturwissenschaften (BSKW) der Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig und lehrt zugleich am Institut für Sinologie der Universität Bonn.
Zuvor war er Lehrbeauftragte am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Universität Mainz (Chinesisch) tätig sowie als Übersetzungslektor für den S. Fischer Verlag sowie Penguin Random House. In diesem Rahmen wirkte er an der Redaktion der deutschen Übersetzungen u. a. von Liao Yiwu (Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass, Wuhan, Die Liebe in Zeiten Mao Zedongs) sowie von Ai Weiwei (Tausend Jahre Freud und Leid) mit.
Seit 2018 ist er auch als freier Übersetzer und Kolumnist für das taiwanische Literaturmagazin Unitas (聯合文學) tätig. Darüber hinaus arbeitet er gelegentlich als Dolmetscher bei Literaturfestivals und Lesungen in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Taiwan.