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Digitale Transformation und neue soziale Fragen in Japan (Dr. Takahiro Nishiyama)

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Gesamtziele und Forschungsstand des Vorhabens
Dieses Projekt zielt darauf ab, die Digitale Transformation in Japan abzuzeichnen, deren ökonomische und gesellschaftliche Folgen auf der sozialpolitischen (Makroebene), der betrieblichen (Mesoebene) und der Arbeitsebene (Mikroebene) empirisch zu ergründen sowie die daraus resultierenden neuen sozialen Fragen offenzulegen und schließlich entsprechende reflexive Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten zu eruieren.
Erforscht werden soll die Digitale Transformation als sozio-technischer Wandel von fünf zusammenwirkenden Dimensionen, in denen dieser Wandel 1) als Diskurs formiert und durchdrungen wird, 2) technologisch bereitgestellt wird, 3) in Gesellschaft und Wirtschaft praktiziert wird, 4) neue soziale Fragen generiert und 5) diskursiv sowie reflexiv bewältigt wird. Beim sozio-technischen Wandel gehen wir davon aus, dass die Digitale Transformation im Sinne von „Technologie“ zunächst als Leitbild, Konzept und Handlungsstrategie entworfen und durch eine neue Stufe informationstechnischer Durchdringung ermöglicht wird. Diese neue Digitale Technologie sollte die Komplexität auf allen Ebenen der Produktions- und Distributionspraxis reduzieren und den gesamten Wertschöpfungs-prozess bis hin zu den Rezipient*innen effizient vernetzen. In der Praxis kommt es jedoch in allen Ländern zu ökonomischen und gesellschaftlichen Folgewirkungen, welche als neue soziale Fragen in Erscheinung treten. Die empirische und diskursanalytische Erforschung dieser Phänomene in Japan soll dazu beitragen, eine umfassende, nicht allein auf den europäisch-angelsächsischen Raum bezogene Reflexion dieses sozio-technischen Wandels zu ermöglichen und damit den gesellschaftspolitischen Akteuren Maßstäbe zu liefern, die eine Revidierung bzw. Neu-Justierung der institutionellen Rahmenbedingungen erlauben.

Das methodische Hauptanliegen dieses Projekts ist darauf ausgerichtet, eine interdisziplinär und interkulturell bearbeitbare Forschungsansätze zu schaffen, um reflexive Handlungsmöglichkeiten am Beispiel der ost-asiatischen Vorgehensweisen herauszuarbeiten. Die Lösungsansätze für die neuen sozialen Fragen der Digitalen Transformation in Japan sollen dazu dienen, den digital getriebenen sozio-technischen Wandel in Deutschland und Japan regulativ, institutionell und sozial zu bewältigen und reflexiv zu gestalten. Insgesamt beschäftigen uns folgende Fragestellungen: Wie gestaltet sich die Digitale Transformation in Japan, und welche sozialen Folgen zeigen sich dabei? Welche Interessenartikulationen und welches Problembewusstsein rufen diese hervor? Welche Bewältigungsstrategien werden diskutiert und welche reflexiven Optionen zeichnen sich auf den entsprechenden Handlungsebenen ab? Die Erfassung dieser Situation in Japan soll schließlich auch als regionalwissenschaftlicher Input für die globale Debatte dienen.

Neue soziale Fragen
Im Gegensatz zur bereits im 19. Jh. thematisierten sozialen Frage, welche hauptsächlich den Pauperismus als Kernproblem begriff, soll hier unter den „neuen sozialen Fragen“ im Zeitalter der Digitalisierung eine weit größere Vielfalt auf drei Ebenen problematisiert werden. 1) Makroebene: Ausgrenzung aus den sozialen Leistungen, Polarisierung des Arbeitsmarktes und Substituierung; 2) Mesoebene: Polarisierung von Qualifikation, Verkomplizierung und Verdichtung der Arbeit; 3) Mikroebene: verändertes Arbeitsbewusstsein, Zugehörigkeitsgefühl, Selbstsubjektivierung, Angst vor digitaler Substituierbarkeit. In Europa ist hiermit zunächst „Exklusion“ und „Individualisierung“ in Verbindung gebracht worden. Bzgl. des in unserem Projekt angesprochenen Problemkreises sind Fragen der „digitalen Prekarisierung“ oder „des bislang kaum einschätzbaren digitalen Kontrollpotenzials über die Arbeit“ in der Plattformökonomie, ebenso der „Risiken einer Dequalifizierung“, der „digitalen Entfremdung“ oder der „digitalen Substituierung“ sowie der „digitalen Nomaden“ aufgeworfen worden. Das vorliegende Projekt stellt nun im Zusammenspiel mit den Dimensionen der Spirale des sozio-technischen Wandels diese neuen sozialen Fragen im Zeitalter der digitalen Transformation in Japan in den Mittelpunkt.

Diese neuen sozialen Fragen werden aktuell mit Bezug zur Digitalen Transformation diskutiert in Gestalt eines digitalen Crowdwork als „digitaler Taylorismus“, einer „digitalen Prekarisierung” in Form einer „Dequalifizierung und Teilsubstituierung” der mittleren Qualifikationsebene, einer Abkopplung vom sozialen Sicherheitsnetz und somit einer „Exklusion” und einer Art „reeller Subsumtion der Arbeit unter digitale Maschinerie” sowie eines „Überwachungskapitalismus”. Das Projekt befasst sich ebenso mit einer Reihe von sozialen Fragen, die sich seit dem digital getriebenen Eintritt in die post-fordistische Ära und seit der Erosion der sogenannten Normalarbeitsverhältnisse stellen, wie z.B. den Fragen der „Polarisierung von Qualifikation” der „Polarisierung des Arbeitsmarktes”, der „Individualisierung” und „Entberuflichung” sowie der Subjektivierung als „Selbstobjektivierung” bei der Arbeit (vgl. u.a. Leimeister/Zogaj 2013; Helmrich u. a. 2016; Frey /Osborne 2017; Hirsch-Kreinsen/Ittermann/Niehaus 2018).

Forschungsstand und -desiderate
Einerseits muss sich in der Forschungspraxis die Begriffsbildung an der jeweiligen Terminologie in der betreffenden Sprache orientieren, und damit auch den dortigen Forschungsstand abbilden, was in den hier befassten Einzelprojekten bzgl. der jeweiligen Fragestellung unternommen wird. Anderseits ist es aber auch vornehmliche Aufgabe unseres Vorhabens, das Verständnis in der hiesigen Begrifflichkeit herzustellen und die Übertragung in die hiesigen Forschungszusammenhänge zu leisten. In der europäischen Forschung lassen sich vier diskursive Formationen zur Digitalen Transformation unterscheiden: 1) Die utopisch-technikdeterministische Auffassung geht davon aus, dass die Digitale Transformation die Entwicklung einer post-fordistischen Produktion unterstützt und auf positive Weise auf Wirtschaft und Gesellschaft einwirkt, indem etwa eine Optimierung von Arbeitsbedingungen sowie von Produktions- und Dienstleistungsabläufen vorgestellt wird (z.B. Werther/Bruckner 2018). 2) Dagegen wird eine kritisch-technikdeterministische Sichtweise von Industrie- und Wirtschaftssoziolog*innen vertreten, die einen systemischen Wandel hin zu einer Beschleunigung der Gesellschaft und Radikalisierung der post-fordistischen Prozesse insb. in der „Plattformökonomie“ erkennen, welche zu Formen der Prekarisierung, Dequalifizierung, Responsibilisierung und Polarisierung führen (z.B. Staab 2019). 3) Die utopisch-dialektische Deutung einiger Kultursoziolog*innen hebt die Dynamik der Pluralisierung in einer post-modernen Gesellschaft sowie die „Singularisierung“ des Individuums im post-industriellen Kapitalismus positiv hervor (z.B. Reckwitz 2017). 4) Schließlich ist die post-strukturalistische Perspektive zu nennen, welche die Digitale Transformation als Ergebnis diskursiver Wechselwirkungen zwischen der Technologie und den Akteur*innen der Gesellschaft begreift. „Immaterielle Arbeit“ führe zu einer erweiterten Entfremdung u.a. dadurch, dass sich die Arbeitskraft selbstorganisierend in die Überwachungssysteme einfüge (z.B. Zuboff 2019).

Bisher sind die Forschungen zur Digitalen Transformation und zu deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft zwischen Disziplinen fragmentiert und an einzelnen Phänomenen fachwissenschaftlich orientiert. Ebenso bleiben die Erklärungsmodelle zum größten Teil deskriptiv und beachten weder institutionell zusammenhängende Motive in unterschiedlichen Ländern (synchron) noch historische Kontinuitäten (diachron). Hier setzt unser Forschungsprogramm an, indem es Dynamiken, Intentionen, soziale Folgen sowie die bezogenen medialen und wissenschaftlichen Diskurse in der japanischen Gesellschaft verortet und zu diesen eine vergleichende institutionenanalytische Perspektive gewinnt.

Kontaktperson:

Dr. Takahiro Nishiyama
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