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Digitale Transformation und Wandel der Arbeit in Ostasien

Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen (MKW) im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern

Dieses Projekt zielt darauf ab, den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft angesichts der fortschreitenden Digitalisierung aus einer interdisziplinären Perspektive zu analysieren und die digitalen Transformationsprozesse in Ostasien und Deutschland miteinander zu vergleichen. Darüber hinaus dienen dazu die Forschungs- und Nachwuchsförderungskooperation mit der Universität Waseda und den weiteren Universitäten in China und Südkorea, die Attraktivität des Studienstandorts Bonn zu steigern und unsere wissenschaftlichen Austauschbeziehungen mit den Partnern in Ostasien zu verstetigen. Der Begriff ‘Digitale Transformation’ ist in Anlehnung an Pfeiffer „ein aktuell diskursiv erfolgreicher wie definitorisch wenig eindeutiger Begriff”(Pfeiffer 2019: 383). Die Eigenschaften des bisherigen Diskurses um die ‘Digitale Transformation’ lassen sich auf zwei Achsen, nämlich 1. utopisch—kritisch, 2. technikdeterministisch—sozialdialektisch, festlegen. Aus diesen Achsen ergeben sich folgende vier Kategorien diskursiver Formationen zur ‚Digitalen Transformation’: 1. Utopischer Technikdeterminismus, 2. Kritischer Technikdeterminismus, 3. Utopischer Dialektismus und 4. kritisch-dialektischer Poststrukturalismus.
Kategorie 1:
Die utopisch-technikdeterministische Auffassung wird von den Managementliteraturen und wirtschaftspolitischen Institutionen, die die ‘Industrie 4.0’, ‘Arbeit 4.0’ oder ‘Smartcity- Konzepte’ betreiben, vertreten. Diese gehen von der Annahme aus, dass die ‘Digitale Transformation’ die Entwicklung einer post-fordistischen Produktion hervorruft und auf eine positive Weise auf Wirtschaft und Gesellschaft einwirkt. Die Arbeitsbedingungen werden durch den Einsatz digitaler Assistenzsysteme wie Datenbrillen für ‘Pick-byvision’ oder am Körper von Arbeitskräften getragenen RFID-Chips verbessert. Durch die Rückverfolgbarkeit einzelner Bewegung von Arbeitskräften lassen sich Problemstellen und Fehler effizient identifizieren und auswerten (z.B. Bruckner u. a. 2018; VDMA 2016; METI 2018). Solche digitale Technologie führe zur Optimierung der Arbeitsbedingungen und bilde so eine neue Konsumgesellschaft mittels einer „Digital Mass- Customization”heraus (Hippel und Katz 2002).
Kategorie 2:
Die kritisch-technikdeterministische Auffassung wird von kritischen Industrie- und Wirtschaftssoziologen vertreten. Diese gehen von der Annahme aus, dass die ‘Digitale Transformation’ einen systemischen Wandel in Gang setzt und den Marktmechanismus sowie die damit verbundene kapitalistischen Produktionsverhältnisse negativ verändert. Der systemische Wandel verursacht in dieser Perspektive eine Beschleunigung der Gesellschaft und Radikalisierung der post-fordistischen Produktionsprozesse, die durch die Rationalisierung in allen Bereichen der Produktion und Arbeit, insbesondere in einer sogenannten „Plattformökonomie“ zu Formen der Prekarisierung, Dequalifizierung, Responsibilisierung und Polarisierung führen (z.B. Altenried 2017; Ehrlich u. a. 2017; Staab 2019).
Kategorie 3:
Die utopische-dialektische Auffassung wird von ein paar Kultursoziologen vertreten. Diese geht von der Annahme aus, dass zwischen der ‚Digitalen Transformation’ und der Gesellschaft eine dialektische Wechselwirkung stattfindet, wobei diese zu einer für Mitglieder der Gesellschaft optimierten post-modernen Gesellschaft führt. In dieser ‘Post-Moderne‘ findet ein Kulturwandel statt, in dem eine sogenannte „Singularisierung“ (Reckwitz 2017) in Erscheinung tritt. Die ‘Digitale Transformation’ und die Individuen setzen eine Dynamik der Pluralisierung der Gesellschaft in Gang und heben so die Einzigartigkeit eines Individuums im post-industriellen Kapitalismus positiv hervor (Reckwitz 2017).
Kategorie 4:
Die kritisch-dialektische Auffassung wird von einer post-strukturalistischen Perspektiven vertreten. Diese interpretiert die ‘Digitale Transformation’ als das Ergebnis diskursiver Wechselwirkungen zwischen der Technologie und den Mitgliedern der Gesellschaft. In einer Gesellschaft, in der die ‘Digitale Transformation’ stattfindet, wird die Arbeit stets an die Kunden ausgelagert, die unbewusst Aufgaben erledigen, die bisher in der Domäne eines Unternehmens angesiedelt waren. Die aus der ‚Digitalen Transformation’ sich ergebende ‚immaterielle Arbeit‘ führe zur erweiterten Entfremdung und bilde so einen Mechanismus der Biopolitik in einer Gesellschaft, in der die Arbeitskraft überwacht und ausgebeutet werde (Hardt und Negri 2003). Die Arbeitskraft füge sich dennoch selbstorganisierend in das Überwachungssystem hinein und setzt sich in die Lage der reellen Subsumtion ihrer Arbeit unter das Kapital hinein (z.B. Barthel und Rottenbach 2017; Pfeiffer 2019; Zuboff 2018).
Die bisherigen Diskurse zur ‚Digitalen Transformation’ weisen somit auf einen heutzutage global stattfindenden sozio-technischen Wandel hin. Jedoch bleiben die Erklärungsmodelle zum größten Teil deskriptiv und beachten weder historische Kontinuitäten (diachron) noch institutionell zusammenhängende Motiven in unterschiedlichen Ländern (synchron). Die Dynamiken und Intentionen im Hintergrund der ‚Digitalen Transformation’ der jeweiligen Wirtschaftseinheiten werden so nicht offengelegt. Diese Forschungen konzentrieren sich in der Regel auf den technischen Wandel in den führenden Industrienationen und haben eine unzulässige Verengung der Perspektive zur Folge. In dieser Hinsicht werden in den bisherigen Diskursen um ‘Digitale Transformation’ Forschungsdesiderate deutlich, die in unserem Projekt überwunden werden sollen. Aus diesen Überlegungen stellen sich folgende Fragen:
In welchem Ausmaß hat dieser Wandel der technischen Infrastruktur in Ostasien bereits stattgefunden? Welchen Einfluss übt dieser auf die Arbeitswelt in Ostasien aus? Welche Grundsätze der politischen Flankierung weisen im aktuellen Digitalisierungsdiskurs Konturen auf? Welche wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wurden/werden ergriffen? Wo lassen sich Verwandtschaften und Kontraste bei der ‚Digitalen Transformation’ im Vergleich von Deutschland und Ostasien verorten?
Methodisch folgt das Projekt der „Comparative Institutional Analysis“ (Aoki 2001), welche die gemeinsame Grundlage aller Arbeiten des Forschungsteams bildet. Die Comparative Institutional Analysis geht von der Annahme sowie der Betrachtung der Pfadabhängigkeit von Institutionen und ihrer funktionalen Komplementarität aus. Erstere befasst sich mit einer historischen Analyse zum institutionellen Wandel; letztere bezieht sich auf eine Analyse des komplementären Zusammenwirkens der einzelnen Institutionen in einem Sozialsystem.
Die Analyse der Pfadabhängigkeit legt den sozioökonomischen Wandel angesichts der ‚Digitalen Transformation’ in China, Deutschland, Japan und Südkorea dar. Die Untersuchung der institutionellen Komplementarität in der soziotechnischen Infrastruktur beleuchtet das Zusammenwirken der interdependenten Institutionen vor dem Hintergrund der landesspezifisch pfadabhängigen Entwicklung. Dadurch soll der Kausalzusammenhang zum sozioökonomischen Wandel in den jeweiligen Ländern sowie andererseits zu globalen ökonomischen oder technologischen Entwicklungen erforscht werden. Das Projekt versucht, das systemische Zusammenspiel der Institutionen auf der Makro- und Meso- sowie der Mikroebene aufzuklären, um die Kontinuität und den Wandel der Digitalisierung und deren Auswirkung auf die Gesellschaft und Wirtschaft seit den 1950er Jahren zu ergründen.
Dieses Projekt besteht aus 6 Teilprojekten:

1. Plattformökonomie in der digitalen Transformation der Arbeitswelt in der VR China (Erdenechuluun, Bulgan)
2. Digitale Transformation und neue soziale Fragen in Japan (Nishiyama, Takahiro)
3. Die digitale Transformation der Arbeit im politischen Digitalisierungsdiskurs Japans (Spremberg, Felix )
4. Digitale Strategien, Lifestyle und Arbeitswelt im japanischen Gesundheitswesen (Tkotzyk, Vanessa)
5. Die Diskussion des Wandels der Arbeit im Kontext der Digitalen Transformation in zeitgenössischen medialen Diskursen der VR China (Weber, Sabine)
6. Berufsqualifizierung in Zeiten der digitalen Transformation und ihre politische Regulierung in Japan (Witzke, Alexander)

 

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