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Fachbeschreibung

Indologie/Südasienkunde heute

Wirtschaftliche und kulturelle Kontakte zwischen Europa und dem südasiatischen Raum wurden infolge des Alexanderfeldzugs im 4. Jahrhundert v.Chr. intensiviert, der das makedonische Heer bis an den Rand des indischen Tieflands geführt hatte. Nachdem der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama 1498 als Erster mit seinen Karavellen den direkten Seeweg von Europa nach Indien komplett durchfahren hatte, entwickelte sich im Schatten der Ausbreitung der überseeischen Kolonialreiche europäischer Staaten ein reger Handelsaustausch über den Seeweg. Im Schatten dieser historischen Entwicklung nahm auch das europäische Interesse an der reichen Kultur, Religion und Literatur des Subkontinents zu.

Nachdem Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Übersetzungen klassischer indischer schöner Literatur und religionsphilosophischer Werke in Europa mit Begeisterung aufgenommen wurden, entstand rasch das Bedürfnis, diese Texte auch im Original lesen zu können. Anders als England und Frankreich hatte Deutschland keine kolonialen Ambitionen auf dem indischen Subkontinent. Das deutsche Interesse an Indien war daher von Anfang an nur indirekt in den kolonialen Diskurs eingebunden und konzentrierte sich vorwiegend auf die Erforschung der klassischen Philosophie, Religion und Literatur.

Hinzu kam ein sprachwissenschaftliches Interesse, hatte man doch die Ähnlichkeit vieler grammatischer Formen und des Vokabulars der klassischen Sprachen (Latein, Griechisch, Altpersisch usw.) mit dem Sanskrit schon früh bemerkt. Sanskrit schien den Urspüngen viel näher zu sein als alle anderen indoeuropäischen Sprachen und deren Literatur.

Der Hintergrund der Entstehung der Indologie als akademisches Fach ist in der deutschen Romantik zu finden. Angefangen mit der Berufung August Wilhelm von Schlegels an die neu gegründete Bonner Universität 1818 wurden innerhalb weniger Jahre vielerorts in Deutschland Lehrstühle für Indologie gegründet, die sich vor allem der Erforschung der hoch entwickelten Sanskrit-Literatur widmeten. Im Laufe der Zeit erwuchs daraus auch ein Interesse an der Erforschung des Mittelindischen (Pali, Prakrit), das ebenfalls eine beachtliche Menge an literarischen Werken der verschiedensten Gattungen zu bieten hat. In Indien und weltweit ist dieser Beitrag Deutschlands zur Kenntnis der südasiatischen Geistesgeschichte bis heute hoch angesehen. Fast jeder in Indien kennt den in Deutschland nahezu unbekannten Max Müller, den Herausgeber der ersten gedruckten Ausgabe des Rigveda im 19. Jahrhundert.

Auf dieser philologischen Grundlage hat die Indologie des 20. Jahrhunderts sich auch intensiv mit Fragen der Interpretation und der interkulturellen Hermeneutik beschäftigt. Ein monumentales Werk wie das von Wilhelm Halbfass, Indien und Europa : Perspektiven ihrer geistigen Begegnung (1981) ist ohne die Vorgeschichte von mehr als 150 Jahren indologischer Forschung nicht denkbar. Einer der Ausgangspunkte von W. Halbfass' Interpretation der indischen Geistesgeschichte ist kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff "Inklusivismus" als Bezeichnung einer universellen Eigenart indischen Denkens, wie ihn der ehemalige Bonner Professor Paul Hacker eingeführt hatte.

Mit dem Ende der britischen Kolonialzeit entstand in Deutschland ein verstärktes Interesse auch an Fragen des modernen Indien, seiner Sprachen und Literaturen. In beiden deutschen Staaten wurden Studiengänge und die zugehörigen Professuren mit modernen Schwerpunkten eingerichtet.

Auch die Moderne Indologie in Deutschland ist stark philologisch orientiert. Fast alle der im achten Anhang der indischen Verfassung als solche aufgelisteten 18 indischen Nationalsprachen, zu denen auch das Sanskrit gehört, können auf eine Jahrhunderte alte literarische Tradition zurückblicken und erleben in den letzten Jahrzehnten durch eine ungeheure literarische Produktion eine neue Blüte. Der natürliche Schwerpunkt ist dabei Sprache und Literatur des Hindi, der offiziellen "Sprache der indischen Union", das nach den Angaben des Census of India von mehr als 40 Prozent der indischen Bevölkerung als Muttersprache und von erheblich viel mehr Indern als Zweit- oder Fremdsprache verstanden wird.

Ziel des Studiums der modernen wie der klassischen Indologie ist der Erwerb der Fähigkeit, selbstständig Quellen in indischen Sprachen zu verstehen und beurteilen zu können. Dabei dominieren in Lehre und Forschung die indoarischen Sprachen, d.h. vedisches und klassisches Sanskrit, Mittelindisch sowie moderne Sprachen, die sprachgeschichtlich letztlich auf das vedische Sanskrit zurückgehen (Hindi, Urdu, Bengali, Gujarati usw.). An einigen wenigen Instituten werden auch südindische Sprachen gelehrt, die einer ganz anderen Sprachfamilie zugehören, aber im Laufe der Jahrtausende ebenfalls mehr oder weniger stark vom Sanskrit und der mit ihr verbundenen Kultur angereichert wurden.

In den letzten Jahren werden in Deutschland vermehrt auch sogenannte südasienkundliche Studiengänge angeboten, die praxisrelevante Kenntnisse des modernen Indien vermitteln sollen und beim Spracherwerb den Schwerpunkt auf kommunikative Fähigkeiten legen. Auch an der Universität Bonn wurde 1989 ein solcher Diplomstudiengang "Modenes Südasien" eingerichtet.

Wie wichtig die Ausbildung von Fachleuten auf diesem Gebiet ist, zeigen die Erfahrungen von deutschen Investoren in Indien. Viele Unternehmen wenden sich dem Produktionsstandort Indien mit Enthusiasmus zu, werden aber in ihren Erwartungen immer wieder frustriert. Dies liegt nicht nur an den oft beklagten mangelhaften staatlichen Rahmenbedingungen für internationale Investoren. Mindestens genau so wichtig sind die "weichen" Faktoren. Oft stellt sich heraus, dass selbst bedeutende deutsche Investoren aufgrund der Englischkenntnisse ihrer höheren Angestellten und ihrer hohen Motivation die problemlose Kommunikation für gegeben halten und es dann an der nötigen Sensibilität für Fragen der interkulturellen Kommunikation fehlen lassen.

Dies führt immer wieder zu Missverständnissen und wirkt sich über kurz oder lang auf das Funktionieren des Betriebs aus, manchmal mit fatalen Folgen. Ein Beispiel: Ein Vertreter des Managements eines international tätigen deutschen Unternehmens lud bei seinem ersten Besuch in einem von seinem Konzern anteilig erworbenen Gemeinschaftsunternehmen die leitenden Angestellten des Betriebs zu einer Sitzung ein. Zu Beginn stellte er sich zunächst kurz mit Namen und Funktion vor, erzählte zur Auflockerung kurz von seiner Reise und fragte als Nächstes unvermittelt nach den Hauptproblemen bei den Produktionsabläufen im Betrieb. Darauf bekam er nach kurzem Schweigen die höfliche Antwort, es gäbe wohl eine Reihe von gewissen Problemen, aber eigentlich kein "Hauptproblem", mit dem man nicht fertig würde, er brauche sich da keine Sorgen zu machen. In seinem Reisebericht riet der deutsche Besucher nach seiner Rückkehr von einer Ausweitung des Engagements seines Betriebs in Südasien ab, da es unmöglich sei, Problemlösungsstrategien gemeinsam zu entwickeln.

Derartige Missverständnisse sind in deutsch-indischen Begegnungen nicht selten, manchmal mit fatalen Folgen wie im vorliegen Fall. In den meisten Fällen stehen dabei Probleme der interkulturellen Kommunikation dahinter - eine Dimension, die oft von den beteiligten Deutschen überhaupt nicht erkannt wird. Das anglophone Südasien wird oft anders eingeschätzt als etwa die VR China, wo bei internationalen Investoren aufgrund der fremden Sprache und Schrift von Anfang an ein Bewusstsein des Fremdseins und der Abhängigkeit von kompetenten landeskundlichen Beratungsdiensten da ist. Während in China dem "Sinologen im Betrieb" eine unbestreitbare Kompetenz eingeräumt wird, gelten die vermittelnden Dienste von akademisch gebildeten Südasien-Fachleuten bei internationalen Investoren immer noch meist als überflüssig.

Das Bewusstsein der Andersheit des Partners im Dialog behindert die Kommunikation keineswegs. Gerade die Ignoranz gegenüber der Tatsache anderer Kommunikationsformen und ihrem kulturellen Hintergrund schafft immer wieder Konflikte. Die gemeinsame Fremdsprache ist noch lange keine Gewähr für eine gelungen Kommunikation, im Gegenteil: Das verdrängte Bewusstsein der Andersheit drängt sich nach den unvermeidlichen Enttäuschungen verstärkt an die Oberfläche. Wahre Kommunikation entsteht dann, wenn die Grenzen des Verstehens und die beiderseitigen Voraussetzungen des Verstehens vermittelbar werden. (Heinz Werner Weßler)

Der indische Subkontinent erstreckt sich über eine riesige Landfläche vom Khyberpass an der afghanisch-pakistanischen Grenze zum Golf von Bengalen, vom Himalaya bis Cap Comorin und dem Inselstaat Sri Lanka im Süden. Er wird heute von der Indischen Union dominiert, ein Flächenstaat mit mehr als 3,2 Millionen Quadratkilometer Größe - mehr als das Neunfache der Fläche Deutschlands. Seine Bevölkerungszahl lag im März 2001 bei geschätzten 1.027.000 Menschen, das sind rund 16.7 Prozent der Weltbevölkerung. Aber auch die meisten anderen auf dem Subkontinent liegenden Staaten (Pakistan, Bangla Desh, Nepal, Sri Lanka, Bhutan) sind dicht besiedelt. Im weltweiten Vergleich lebt einer von vier Menschen auf dem indischen Subkontinent.

Was ist Indologie?

Die direkte Bedeutung der Wortbildung `Indo-logie' ist: `der Logos von Indien'. Dabei drückt `Logos' umfassendes Wissen, `Indo-' den Gegenstand dieses umfassenden Wissens, also den Kulturraum Indiens in all seiner Geschichtlichkeit und Komplexität, aus. Aufgrund seiner geistigen Ausdehnung und kulturellen Ausstrahlung ist dieser Raum abstrakt und übergreifend.

Er darf daher keineswegs mit den heutigen politischen Grenzen der unabhängigen Republik Indien einfach gleichgesetzt werden.

Indologie als eine akademische, zu den Geisteswissenschaften gehörende Disziplin, befaßt sich mit diesem Kulturraum in wissenschaftlicher Weise.

Für eine Geisteswissenschaft sind Verstehen und Erklären die wichtigsten Zielsetzungen. Verstehen und Erklären durch die indologische Fachdisziplin richtet sich auf die eigentlichen Grundlagen für die geistigen und materiellen Kulturäußerungen, wie Indien sie in seiner mehrtausendjährigen Geschichte aus eigenem hervorgebracht hat. Die Eigenart Indiens beruht auf seinen besonderen, kulturell- autochthonen Grundmustern. Diesen wiederum liegen entprechend eigentümliche Denkmuster zugrunde. Unter "kulturell-autochthon" sind all jene spezifischen Muster des indischen Geistes und der in ihm gegründeten Kultur(en) zu verstehen, die aus eigenen Voraussetzungen herleitbar sind.

Nicht aus eigenen Voraussetzungen herleitbare Muster wären dem gegenüber solche, die kulturelle Fremdeinflüsse durch z. B. europäische oder nahöstliche Kulturkreise verraten. Demgegenüber gehören autochthon-indische Kulturmuster, wenn sie in nicht-indigen indische Räume hineinwirken, durchaus in den Bereich indologischen Forschungsinteresses.

Indologische Forschung ist methodisch betriebene Grundlagenforschung. Sie strebt als solche ausschließlich nach Wissen und ist von da her als eine reine Erkenntniswissenschaft zu werten. Im besonderen richtet sich ihr Streben auf den Erwerb von neuem, vertieftem Wissen um einen zusammenhängenden `Logos von Indien'. `Indien' meint hier den außereuropäischen, autochthon gewachsenen Kulturraum.

Das letzte Ziel indologischer Grundlagenforschung aber ist neben der Erarbeitung handbuchreifer Fakten die Einordnung dieses Raumes in die größeren Zusammenhänge einer universellen Geistes-, Ideen- und Kulturgeschichte. Dies auch zu dem Zweck, unseren eigenen europäischen Standort innerhalb einer solchen Universalgeschichte zu ermitteln.

Eine solche Ermittlung bedarf allerdings zahlreicher kultureller Beziehungskoordinaten, und dazu muß der menschliche Geist eben auch anderswo vermessen werden.

Die Indologie leistet dies für Indien. Sie ist somit weder ein "Sprachstudium" mit vorwiegend linguistischen, noch auch eine "Einzelphilologie" mit vorwiegend philologisch orientierten Zielsetzungen. Zuweilen allerdings wird das Fach aus oberflächlicher Perspektive irrtümlich damit gleichgesetzt. Den Grund dafür bildet eine Verwechslung der Methoden mit den Zielen indologischer Forschung. Die Begründer des Faches und seine maßgeblichsten Vertreter waren vor allem Vedisten und Sanskritisten. Nicht ohne tieferen Grund: Das Sanskrit war und blieb über unvergleichlich lange Zeiträume hinweg das einzig echte und wirklich universal verbreitete Sprachmedium, über weite Gebiete des südasiatischen Raumes erstreckt und dort kulturelle Identität stiftend bzw. vermittelnd. Es sind daher die Sanskrit-Quellen, die neben vielen anderen wichtigen Sprachdokumenten nach historischer Tiefe und systematischer Breite für die Forschung eben bei weitem am reichlichsten fließen.

Die Auswertung dieser kulturgeschichtlich wertvollen Dokumente erfolgt selbstverständlich mit den entwickelten und bewährten Methoden historisch-kritischer Philologie. Diese wegen der besonderen Quellenlage gebräuchlichsten aber keineswegs einzigen Methoden dürfen allerdings nicht mit dem eigentlichen Gegenstand der indologischen Forschung, dem Kulturraum Indien, undifferenziert zusammengeworfen werden. Ein Fach, wie die Indologie es ist, kann keineswegs auf diejenigen spezifischen Methoden reduziert werden, die es für seine Grundlagenforschung aus den inneren Notwendigkeiten der besonderen Quellenlage anwenden muss.

Vor diesem Hintergrund ist Indologie klärlich eine reine Kulturwissenschaft. Mit Michael Witzel (Harvard) präziser gefaßt, eine "Kulturwissenschaft based on texts", bzw. "the study of a civilization based on texts". Walter Slaje (Halle, Saale)


 

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